Nullpunkt

MAGAZIN, das

Nullpunkt

1. bis 10.9.2011

[täglich ab 12 Uhr]
Selnaustrasse 25, 8001 Zürich

Nu.llpunkt, der: [niemand = alle]: 1. a) Absturz gegen beliebig; b) Leere für Inhalt. 2. (kein) Bleiben; frei Denken [und stürzen]; Stillstand od. Ursprung 3. Freiheit (sein)

Veranstaltungen, die:
Parallel zur Ausstellung während dem ersten und zehnten September [chronologisch]; 1. Vernissage 2. tba 3. Lange Nacht der Museen [inkl. Tanz-Performance oimoi] 4. Musikaliterarischer Abend (Jazz = Rosset Meyer Geiger, Gedicht = Andri Perl) 5. tba 6. Lesung; Autor = Nora Zukker & Johanna Lier [Werk = tba] 7. Tanz- und Theaterabend; durch Tanz-Text-Tiefe (oimoi) 9. Poetry Slam a) acht Teilnehmer im K.O.-Modus b) Moderation = Etrit Hasler & Valerio Moser 10. Finissage; Feier im Stall 6 mit exp. elektr. Musik [Lukas Kleesattel, Nader, Basil the bastard, mauricio, beluno]

Eintritt, der:
1. das Eintreten. 2. a) [ohne der Entrichtung einer Gebühr verbundener] Zugang zu etw.: der E. [zum Nullpunkt] ist frei.

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oimoi

oimoi probt den System failure

oimoi

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oimoi

Ich stehe am Strassenrand. Das Tanzhaus ist unscheinbar. Das Büro mit gleich lautender Anschrift vermag sich aber ein kleines Stück der Lässigkeit der unzähligen Architekten abzuschneiden, die im selben Haus an der Wasserwerkstrasse 39 eingemietet sind. Ich öffne die Tür, und anscheinend sieht man meinem Gesicht an, dass ich auf der Suche bin. Auf meine Frage hin, wo ich den oimoi finden könne, zeigt mir ein jung gebliebener Mann mit grauen Haaren freundlich den Weg. Gemächlich steige ich die Treppe hinab zu den Studios, wo mich Julia schon auf halbem Weg empfängt. Anscheinend hat es ein Missverständnis gegeben. Die Formation der Tanz- und Theatergruppe oimoi wartet seit zwei Stunden auf mich. Wir gehen zum letzten Studio, und ich ziehe meine Schuhe aus vor der Tür. Der Boden fühlt sich weich und warm an, als ob ich auf Wachs gehen würde. Ich entschuldige mich für meine Verspätung. Julia erwidert, dass sie die Zeit eigentlich gut haben brauchen können, um ihre Idee noch weiter zu festigen. Judith, Amadeus und Daniel nicken zustimmend. Ich bin erleichtert. Eine leise Stimme flüstert mir zu. Jessica und ihre Canon sind nun auch hier. Die Stimmung ist gelöst, und obwohl ich eigentlich auf das Interview verzichten könnte, stelle ich Fragen. Amadeus gibt mir bereitwillig Auskunft über den Hintergrund ihres Werks. Sie identifizieren Zyklen. Gesellschaftlich und persönlich kommt man immer wieder an einen Nullpunkt. Gesellschaftlich kann das Ausschluss bedeuten, persönlich bedeutet es Krise. Sie möchten zwei bis drei Zyklen darstellen. Die persönliche und die gesellschaftliche Perspektive kontrastieren und verschmelzen. Der Ausschluss als zentrales Motiv ihrer Performance. Bis die Gesellschaft vor lauter Ausschluss am Nullpunkt ankommt. Ich höre gespannt zu. Aber noch viel lieber möchte ich oimoi beim Proben zusehen.
Zwei Tänzerinnen sind heute nicht anwesend. Das tut aber nichts zur Sache. Sie proben den Ausschluss. Die Figuren sind niedergeschrieben. 1 Die Gruppe bewegt sich. Bei einer Drehung steht Julia plötzlich abseits. 2 3 Die anderen zeigen mit dem Finger auf sie. Sie überlegen sich, wie man die Unterlegenheit tänzerisch darstellen könnte. Sie kriechen auf dem Boden, ahmen Tiere nach. In der nächsten Sequenz entscheidet sich Judith für Amadeus. Daniel steht auch alleine da und gehört zur Minderheit. Jetzt gehen nur noch zwei aufrecht. Am Schluss drückt Amadeus mit einer langsamen Bewegung Judith zu Boden. Er steht alleine da. Sie sprechen über die passende Musik. Und ob es für alle Szenen Musik braucht. Dabei sprechen sie eine Sprache, die mir nicht geläufig ist.
Anschliessend besprechen sie ihre Soli. Judith, Amadeus und Daniel haben ihre Soli noch nicht konkret ausgearbeitet. Aber sie wissen, in welche Richtung es gehen soll. Daniel möchte ein Gedicht vortragen. Judith möchte nur tanzen. Ohne Musik. Vielleicht mit Geräuschen. Julia hat die ganze vergangene Woche an ihrem Solo gearbeitet. Es dauert fünf Minuten. Die anderen ermutigen sie, es ihnen zu zeigen. Julia zieht den Vorhang vor dem Spiegel. Das Studio im Tanzhaus mutet einer kleinen Bühne an, und wir sitzen in der ersten Reihe. Die Musik geht an. Julia liegt auf dem Boden, wie auf einer grünen, saftigen Wiese an der Sonne. Sie steht auf, jugendlicher Übermut überkommt sie, und sie bewegt sich sehr energetisch. Die Stimmung ändert sich. Sie wird älter, träger und verliert an Spontaneität. Sie ist in der Maschinerie. Dann der Kollaps. Sie bricht aus und sucht und findet. Am Ende schliesst sich der Kreis, und sie liegt auf den Boden. Das Lied klingt aus. Applaus. 4
Nun besprechen alle gemeinsam das Solo. Daniel empfand es als sehr unangenehm – auf eine gute Weise. Amadeus ist begeistert und erzählt die Geschichte, die er gesehen hat. Judith fragt nach dem Ursprung der Impulse für die plötzlichen Wechsel der Lebensphasen. Nach dem erkennbaren Unterschied von innen und aussen. Sie diskutieren über abstrakte Begriffe, die man mit dem Solo in Verbindung bringen könnte, um dem Zuschauer die Geschichte zugänglicher zu machen. 5
Ich fühle mich unsichtbar. Sie sehen uns nicht mehr, sind in ihrem Element und Jessica hat die Szenen einfangen können. Ich warte auf einen Moment der Stille. Wir verabschieden uns und wollen uns in ein paar Wochen nachmals treffen.

0.e114

Wellengang

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Wir befinden uns hier in der Halle, die hohen Fenster sind abgedunkelt, oimoi tanzt sich gerade die Füsse wund, am Nullpunkt.

Und bis hin zu diesem schönen Moment ist schon so vieles passiert.

Kurz vor der Vernissage ging eine Radiosendung zum Thema “Nullpunkt 2011” über die Frequenz von Radio LoRa.

Die Installation der Riklin-Brüder mit der unglaublichen Beglaubigung und der im letzten Moment noch auf Tape übertragenen Geheimhaltung kosteten uns einige Stunden vor der Vernissage beinahe die letzten, wertvollen Nerven.

Der grosse Paukenschlag am Donnerstag, 01. September – endlich kam Leben an den Nullpunkt, wir leben am Nullpunkt, und der Nullpunkt lebt mit.

Am Samstag, 03. September verbrachte wir eine lange Lange Nacht im ewz-Unterwerk Selnau, zusammen mit dem Haus Konstruktiv. Ein Interview mit dessen Direktorin stellen wir euch hier bereit.

Der Sonntag, 04. September stand im Zeichen des verzaubernden Jazz-Trios Rosset Meyer Geiger und dem ebenso bezaubernden Literaten und Lyriker Andri Perl.

Und gestern Abend lauschten wir wie gebannt dem Dialog zweier Generationen über und mittels einer ausgestorbenen Sprache am Nullpunkt von Nora Zukker und Johanna Lier.

Ja, und genau jetzt sitzen wir eben hier, alle zusammen, gebannt, in der grossen Halle. Die Musik des Tanztheaters oimoi und ihr ausdrucksvoller Tanz beweisen, dass jede Kunstform bis ins tiefste innere des Menschen eindringen kann, Emotionen hervorrufen, bewegen.

Es scheint, als würden wir seit sechs Tagen auf einer riesigen Welle reiten, auf einer Welle, die uns trägt, immer weiter bringt, weiter vorwärts, und mitreisst, Menschen, Emotionen, die entstehen, wieder untergehen. Die Realität verändert sich, Dinge verändern die Realität, die Wahrnehmung wächst, schrumpft, schäumt, der Nullpunkt zwischen Ebbe und Flut, in Zeiten der Ruhe und im Sturm.



0.m41

Riikka Tauriainen / Mareike Spalteholz

riikka tauriainen und mareike spalteholz

Es ist ein halbsonniger, späterer Nachmittag im Industriequartier. Eine Bar nahe Tramdepot Escherwyss, und irgendwie sollte ich die zwei werten Damen Mareike und Riikka erkennen. Ich frag mich von Tisch zu Tisch durch, vielleicht Zufall, vielleicht nicht, aber gerade heute sitzen mindestens fünf mal paarweise Frauen hier, die aber alle nicht Mareike und Riikka heissen. Schlussendlich steht plötzlich eine Frau mit etwas kürzerem Haar vor mir und greift nach dem Telefon, dessen Nummer ich gerade gewählt habe, es ist Riikka. Kurze Zeit später sitzen wir, ergänzt durch Mareike mit längerem Haar, bei drei kühlen Blonden im Hinterhof der Bar, gespannt, wie erzwungen oder ungezwungen die folgende Stunde sein wird.

Ich: Ich kenn euch gar nicht, stellt euch doch mal vor, wie wenn wir an einem Blinddate wären.

Riikka: Ich bin in Finnland geboren und aufgewachsen, habe eine deutsche Mutter, einen finnischen Vater und bin seit sieben Jahren im Ausland. Habe in Estland studiert, an der Kunstakademie mit Fotografie abgeschlossen, aber schon da mit Videos und Performance angefangen. Dann hab ich in Berlin Bildhauerei studiert, das Diplom aber nicht gemacht und bin dann nach Zürich in den Master of fine Arts gewechselt. Und noch ein Austausch vor Berlin in Essen, welcher mir für Fotografie empfohlen wurde.

Mareike: Und da haben wir uns getroffen.

Riikka: Das erste mal gesehen.

Mareike: Vor sieben Jahren ungefähr nicht? Vor sechs Jahren?

Riikka: Ja, das müsste es wohl sein, ich war in meinem zweiten Studienjahr da.

Ich: Wie war der erste Moment, in dem ihr euch gesehen habt?

Mareike: Romantisch! (lacht)

Riikka: Ich bin mir nicht mehr sicher.

Mareike: Ich kann mich nur erinnern, dass du so schwarze Haare hattest, im Zug mit nem Schulkollegen von uns!

Riikka: Ja!

Mareike: Und der war extrem verknallt in dich! (lacht)

Riikka: Und ich dachte er ist schwul! (lacht auch)

Mareike: Ich dachte auch, er sei schwul, war er aber nicht!

(nostalgisches Gelächter)

Ich: Und er war zuerst in dich (Riikka) und dann in dich (Mareike) verliebt?

Mareike: Oder anders rum.

Riikka: Anders rum glaub ich, du kanntest ihn ja schon länger?

Mareike: Auf jeden fall war er total enttäuscht, weil nichts geklappt hatte und schwul war er ja auch nicht. Das war irgendwie lustig, weil es hat wirklich nichts funktioniert. Und dann hab ich dort in Essen, nach der Begegnung im Zug, eine Performance von Riikka gesehen, und ich dachte so “Wow, mutig!”. Ich hatte da noch nichts mit Performance zu tun, machte damals Foto und Malerei, ein bisschen Video und war da echt beeindruckt von Riikka. Du hattest da so ein hautfarbenes Strumpfhosen-Dingsbums an, das an der Wand hing, und du hast dich da so rausgeschält (lacht), und ich fand “Wow, mutig, krasss, Respekt!”, hätt ich mich nicht so getraut und dann haben wir Adressen getauscht, haben uns aber nicht gleich wieder gesehen, fand die Riikka einfach noch cool.

Dann sind Jahre vergangen, 2006 habe ich abgeschlossen in Essen, zwischendurch war ich in Zürich in der Fotoklasse für ein Jahr, 2004-2005, dann eben in Essen Kommunikationsdesign mit Foto, Video und Malerei und dann bin ich wieder nach Zürich zurück, weil mir das gut gefallen hat hier. Und dann steh ich hier in der Schule, und plötzlich läuft die Riikka mir über den Weg und ich: “Hey!”. Und sie latscht ganz cool an mir vorbei und ich: “Ey wir kennnen uns!”, und sie: “Aaach jaa…”, dann ich: “Jaaa!”. Und dann haben wir nach und nach ganz viele Parallelen entdeckt in unseren Leben. Die gleichen Jobs am gleichen Ort, aber immer ein wenig zeitverzögert. Wir haben uns immer verpasst, aber dann immer an gewissen Punkten wieder getroffen und dann sagst du zu dir: “Aach, jetzt ist die auch wieder hier!”.

(beide lachen)

Riikka: Manchmal fanden wir es ein bisschen speziell!

Mareike: Fast schon gruselig.. Und das Beste ist, Riikka hat zwei Tage vor mir Geburtstag und dann haben wir eine Geburtstagsparty zusammen geschmissen, wie gesagt vor dem ewz!

Riikka: Genau!

Mareike: Wir sind so voll das Ehepaar! (lacht)

Ich: Das klingt ja fast schon nach Schicksal, glaubt ihr ans Schicksal?

Mareike: Nicht abergläubisch, aber ich glaub an so Sachen. Es gibt ja Verbindungen und Parallelen, und wenn es sein muss, dann passiert das einfach so, da kann man sich nicht wehren.

Riikka: Ja ich würde es ähnlich ausdrücken. Ich denk, es gibt viele Dinge, die man nicht ganz erklären kann, vielleicht nicht Schicksal, manchmal hat man ein Bauchgefühl und geht in eine bestimmte Richtung und dann passiert was und vielleicht hat man das schon geahnt, aber man kanns nicht erklären und ob das Zufall ist…

Mareike: Zufall glaub ich nicht.

Riikka: Weil man selber sehr fest bestimmt, wo’s lang geht.

Mareike: Und wir zwei treffen ja irgendwie ähnliche Entscheidungen und sind trotzdem sehr verschieden. Ich hab dann irgendwie gesehen bei dir, irgendwie, deine Thematiken die du hast, ich arbeite ja recht anders, aber die Themen waren ziemlich gleich, oft, und ich dachte krass jetzt, die hatte die gleiche Idee, einfach vor mir!

Ich: Heisst das, das eure Entscheidung gemeinsam ein Projekt zu machen rein opportunistisch ist, weil ihr immer die gleichen Ideen habt?

(beide lachen)

Mareike: Nein! Wir haben uns gesehen und dachten, so jetzt müssen wir mal zusammen..

Riikka: ..das ist die Möglichkeit!

Mareike: ..um die Energien zusammenfliessen zu lassen. Und vor dem ewz haben wir eben den Geburtstag zusammen gefeiert. Ja und da mussten wir am Tag nach der Party so heftig viel putzen und richtig planen, so organisatorisch. Da haben wir gemerkt, dass das extrem gut klappt, dass wir ein extrem gutes Team sind, wir waren extrem effizient!

Ich: Aufgrund des Putzens habt ihr also gemerkt das ihr zusammen ein Projekt meistern könntet?

Mareike: Ja! wir hatten beide einen furchtbaren Kater..

Riikka …kein Wunder…

Mareike: Aber es ging extrem gut irgendwie, wir mussten gar nicht so viel sprechen..

Riikka: ..die eine hat immer schon das gemacht was die andere gedacht hatte..

Mareike: Toll ne! So haben wirs gemerkt! Und dann haben wir uns eben im ewz-Unterwerk Selnau bei euch gesehen und ich so: “Riikka!”, hab dann gleich auch gedacht, ich habe Lust und dann kuckt sie mich so an und fragt: “Wollen wirs zusammen machen?”.

(beide lachen)

Ich: Und diese Begegnung bei unserer ersten Begehung war auch wieder zufällig?

Riikka: Ja!

Mareike: Wir haben uns angeschaut, und ich dachte: “Doch doch, es ist so weit!”.

Riikka: Ja.

Mareike: Der Moment der Begegnung..

Zusammen leben könnten die zwei aber nicht unbedingt, sie brauchen einen gewissen Abstand, um gemeinsam funktionieren zu können. Allgemein scheinen die zwei netten Damen sehr dynamisch aber auch ambivalent miteinander zu harmonieren. Ich hab fast keine Kontrolle über das Gespräch, es ergibt sich von selbst und jetzt kommt auch noch Brigham, der Fotograf, hinzu.

Brigham: Die Sonne wäre jetzt gerade echt schön um Fotos machen!

Mareike: Ja megaschön, dann können wir uns da hinten ins Gras legen!

Riikka: Also ich hab jetz eher an den Beton da drüben gedacht, der gefällt mir.

Jedenfalls machen die drei ein kurzes Fotoshoting, und ich hole nochmal eine Runde Bier. 1 2

Die Sonne scheint, und es entsteht ein Licht und eine Stimmung, wie in einem finnischen Independent-Movie, wenn gerade ein lebensphilosophische Szene abgehandelt wird, die von glücklichem Suizid handelt. Und plötzlich ganz feine, leicht-erfrischende Regentröpfchen, die auf unsere Haut tröpfeln, während wir uns wieder an den Tisch setzen. 3
Wir stossen an und das Bier schmeckt.

Ich: Streitet ihr euch?

Mareike: Nein, bis jetzt noch nicht.

Riikka: Vielleicht am Ende vom Projekt dann.

Mareike: Wenn sich irgendwie eine querstellt oder so.

Ich: Als was würdet ihr euch bezeichnen? Seid ihr Künstlerinnen?

Mareike: Ja sicher!

Ich: Beschreibt doch mal, was bedeutet das für euch?

Mareike: Das ist so ne Passion. Auf eine Art ist es ja auch ein Beruf, und man muss es irgendwie machen, aber man muss nebenbei trotzdem irgendwie arbeiten wegen dem Geld, aber das sind Geldjobs und dann macht man wieder Kunst, das, wo man was umsetzen muss. Die Kunst ist für mich ein Bereich indem ich mich vom zu viel Denken loslösen kann, da lass ich mir nicht reinpfuschen. Die Kunst öffnet mir Türen, die sich mir nur mit Denken erst gar nicht aufzeigen würden. Manchmal quält es mich aber auch, und ich denke mir, ist das alles, für das ich so hart arbeite? Aber es ist etwas, das mir gehört und es gibt mir sehr viel zurück.

Riikka: Das Leben ist auch einfach zu schade dafür, nicht zu machen, was man will.

Mareike: Hach ja…

Riikka: Ich mein, man kann schon einfach eine Karriere machen, weil man denkt, das man das machen muss.

Mareike: Das bringt Kohle oder Vorteil.

Riikka: Aber für mich ist Kunst ein Weg, das zu machen, was ich machen will.

Mareike: Irgendwie auch ein Luxus.

Riikka: Ja schon auch ein Luxus zum Teil, aber auch ein sehr harter Weg! Er hat einen hohen Preis dieser Weg. Du musst sehr viel arbeiten, weil da kommt ja niemand, kein Chef oder so, der dir sagt, wie du was machen musst. Für mich ist die Welt absurd, wenn man’s ein bisschen negativ sieht sogar ein wenig bescheuert, so dass ich quasi auch keinen anderen Bereich sehe, wo alles so viel Sinn macht, wie in der Kunst. Ich glaube, es ist die Freiheit, es ist eine Ausdrucksform, wo jeder Künstler seinen Weg wählt.

Ich: Stellt euch mal zum Schluss noch vor, ihr würdet in fünf Minuten ableben, was würdet ihr jetzt erreicht haben wollen? An was würdet ihr jetzt zurückdenken wollen?

Mareike: Wenn ich dann mal so weit bin, möcht ich das Gefühl haben, dass ich alles gemacht habe, was ich wirklich wollte. Jetzt nicht kompromisslos, aber mich ausgelebt haben möcht ich dann. Ich glaub auch, dass man reifer und weiser wird mit dem Alter und der Humor sich weiterentwickelt, der muss immer da bleiben! Wenn ich dann da auf dem Sterbebett liege, möcht ich dann nochmal einen Witz hören und sagen können: “Es war gut!”

Riikka: Ich fänds ganz spannend was danach kommt..

Mareike: Also ich wär recht am Arsch wenn das jetzt passieren würde!

Riikka: Ich find, ich seh jetzt nicht den grossen Punkt. Für mich sind die kleinen Dinge genauso wichtig wie die grossen, und ich find einfach, ich glaub dein letzter Satz Mareike, ich würd ihn nicht mit den gleichen Wörtern formulieren, aber es ist dasselbe. Das man sich treu bleibt. Aber um das machen zu können, muss man sich spüren können, sich vertrauen, um den richtigen Weg zu gehen. Ich verlasse mich eigentlich ziemlich darauf, dass der immer da ist. Klar kann man ihn immer wieder verlieren, das ist normal. Aber ich möchte mir dann einfach sicher sein, genau das zu spüren, das zu merken, das zu fühlen und dann ist glaub ich alles gut, am Ende!

Wir witzeln noch ein wenig darüber, dass unser Interview mit dem Tod endet und Mareike muss auch schon los.

Brigham und ich bleiben mit Riikka sitzen, trinken das Bier fertig, und einige Zigaretten und angerissene Diskussionen später löst sich das Konglomerat auf, und wir gehen alle unseren Weg. Unseren eigenen Weg. Mal zusammen, mal entzweit.

0.m68

DU

DU Magazin

DU

DU

DU

DU

DU

Beschreibung zum Beitrag auf art-tv.ch:
Mit der Märzausgabe Nr. 814 feiert das Kulturmagazin Du sein siebzigjähriges Bestehen. art-tv.ch wirft anlässlich dieses Jubiläums einen Blick hinter die Kulissen der Redaktion und macht Sie Bekannt mit den Machern eines «legendären Magazins».
www.du-magazin.com

0.f55

Entjungferung

Samstagmorgen, der Himmel blau, Sonne ohne Hindernisse, aber heute ist nichts mit ausschlafen. Heute ist Bewährungsprobe. Heute wird sich zeigen ob wir Utopisten oder realistische Idealisten sind. Heute wird sich zeigen, ob der Nullpunkt eine Totgeburt wird, oder ob der schwangere Bauch vom Kernreaktor bald schon lebendig Neues hervorbringen wird.

Es ist 09:00 und ich will noch ein Geschenk für meine Freundin kaufen. Ein Olivenbaum ist es schlussendlich, der als Symbol für unsere zweijährige Beziehung Kraft finden soll. Gleichzeitig kann er bevor er seine endgültige Bestimmung findet auch als Maskottchen für die Begehung des ewz-Unterwerk Selnau verwendet werden.

Ich hole Bänke bei Ursin, Stühle, Pfannen und Beamer bei Marcel und fahre zur Sihl. Dort wo der Nullpunkt ist, sein wird, gewesen sein wird.

Die Halle ist riesig, es hallt, hoch oben hohe Fenster. Rauhe, alt und verschmutzt anmutende Wände, Stahlträger durchdringen sie, mit Nieten übersäht. An der Decke ein Kran, der über die ganze Halle bewegt werden kann. 1
Olivia, so heisst der Olivenbaum, nimmt auf einem Stuhl inmitten der Halle Platz. Es sieht so schön aus, es fühlt sich so gut an, wir haben Platz, der Nullpunkt hat einen Platz! 2

Aline ist schon in der Küche fleissig am hantieren, die Bänke werden mit Willkommensgipfeli, Orangenjus und Mineralwasser geziert, nach und nach Treffen die Kunstschaffenden ein. Eine Hand voll Menschen aller Art findet sich in der Erwartungen und Visionen erweckenden Haupthalle ein. 3

Es ist 11:30 und gut 20 Personen beleben die stolze Halle des ewz-Unterwerk Selnau.
Moritz und Ursin eröffnen den Tag. Sie stellen den Kernreaktor, seine Mitglieder und erste Helfer und Helferinnen vor und natürlich den Nullpunkt 2011, das neueste und grösste Projekt unseres Vereins. 4

Ohne Vorgaben, ohne Regeln, ohne Ansprüche einzig mit dem Wunsch einer gemeinsamen Vision, dem Willen für einen gemeinsamen Prozess, den Nullpunkt 2011. Ein Ort wo sich die Konventionen auflösen sollen oder zumindest auflösen dürfen sollen. Ein Ort auf den etwas zusteuert, von dem etwas wegsteuert. Ein Ort an dem man sein wird, ist und gewesen sein wird.

Heute mischen sich Traum und Realität, Erwartung und vielleicht auch Enttäuschung.

Wir machen uns jedenfalls auf den Weg durch die Räumlichkeiten.

Halle, die: 5 450 Quadratmeter Fläche für 100% kreative Energie und 0% CO2. Hohe Wände mit Stahlträgern durchzogen, hoch oben hohe schmale Fenster in einer Front, an der Decke der Halle ein beweglicher Kran. 6

Untergeschoss, das: 7 150 Quadratmeter verwinkelte Kreativfläche. Der Raum hat einen kleinen Vorraum, dann kommen drei katakombenartige Einbuchtungen, die jeweils von dicken langen und wuchtigen Säulen voneinander getrennt werden. 8

Kommandozentrale, die: 9 / 10 ca. 100 Quadratmeter hoheitliche Kreativfläche. Die Kommandozentrale, wie wir sie nennen, schwebt am einen Ende der Halle über dem Übergang zum Haus Konstruktiv. Eine drei Meter hohe Scheibenfront eröffnet die Sicht auf die Halle. 11

Das Interesse wächst von Minute zu Minute in den Köpfen der kreativen Geister. Es ist als könnte man eine Blume wachsen sehen und wie sich aus einer Knospe erste, kleine, zärtliche und jungfräuliche Blätter entfalten würden. 12 / 13

Aber es schweben nicht nur positive Gedanken im Raum, es regen sich auch Zweifel. „Wie kann der natürliche Egoismus des Kunstschaffenden durchbrochen werden?“, fragt mich eine bildende Künstlerin kritisch und verschränkt dabei die Arme. Wir wollen nicht, dass sich die Menschen im Nullpunkt profilieren. Der Nullpunkt selbst soll sich durch die Menschen profilieren. Wie können wir dem Drang zur individuellen Profilierung entgegenwirken? Wie schaffen wir es, dass nur eins sich profiliert, entsteht, entfaltet, sein wird, ist, gewesen sein wird: der Nullpunkt 2011?

Wir stehen am Nullpunkt. Immer wieder.

13:00 Es gibt Pasta. Aline hat ganze Arbeit geleistet. Die Menschen essen, reden, schauen und denken nach. 14 / 15

Was mache ich wie und wo? Gemeinsam? Entzweit? 16

14:00, die Gruppe beginnt sich langsam aufzulösen. Impressionen sind entstanden, Vorstellungen, Klar- und Unklarheiten sind geboren. Die Kunstschaffenden stehen nun nicht mehr mit leeren Händen da. Wir stellen das Garn zur Verfügung und warten, dass sich daraus etwas verflechtet und etwas daraus entsteht.

Es wird sich zeigen, ob der Stein, den der Kernreaktor in stille Gewässer geworfen bloss ein Plumpsen und kurzes Aufspritzen war oder ob er Wellen schlägt, die grösser werden, sich verstärken und eine kreative Sintflut daraus entstehen wird.

Eins steht fest.

Wir sind am Nullpunkt. Was jetzt kommt ist allein abhängig von unserer Energie und den Energien, die wir angestossen haben.

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Lorenz Meier

lorenz meier

Ein Schulgeschichtsbuch (Schib/Boesch: Weltgeschichte) beschreibt die bildende Kunst während dem frühen Christentum, die mit der byzantinischen Malerei ihren Anfang nimmt, als geprägt durch eine „feierlich-starre, der Wirklichkeit entrückte Steifheit“. Nachdem sich Jahrhunderte lang der Bildstil kaum verändere, bemühe sich erst die Renaissance-Malerei um naturgetreue Darstellung und Raumtiefe. Die damals noch unwirkliche Kunst sei jetzt wirklich, so offenbar die Aussage.

Schaut man die Radierungen und Zeichnungen von Lorenz Meier an, befällt einen das Gefühl, dieses kunsthistorische Narrativ sei zu einfach, wenn es einen Fortschritt zum Naturgetreuen in der Renaissance beschreibt. Zumindest scheint das Entrückte, das Meiers Illustrationen prägt (siehe www.lorenzmeier.com), unsere Zeit sehr gut wiederzugeben, vielleicht besser als ein ‚wirklichkeitsgetreues‘ Bild. Zumal seit dem 20. Jahrhundert die Möglichkeit der Fotografie neue Massstäbe bezüglich Abbildens der Wirklichkeit setzt – es ist klar: Schon die Surrealisten haben diese erneute Kehrtwende weg vom Naturalismus vollzogen; aber was, wenn auf der formalen Ebene anstatt dem Unbewussten religiöse Ereignismalerei zitiert wird? Ist die Postmoderne bevorzugt mit Darstellungsmitteln, die während dem frühen Christentum entstanden sind beschreibbar? Oder zeigt ein Rückgriff auf solche Mittel, dass so etwas wie ‚unsere Zeit‘ gar nicht abbildbar ist mit einem Bild als Blickfeld, wie es menschliche Augen sehen könnten? Antworten verspricht das Triptychon, das Meier am Nullpunkt ausstellen wird. In Anlehnung an religiöse Ereignismalerei wird es gesellschaftliche Entwicklungen und Ideen darstellen.

Lorenz Meier ist seit 1995 als freischaffender Illustrator für verschiedene Zeitungen, Magazine, Werbeagenturen und Verlage tätig. Seit 2007 ist er Dozent für Illustration und Zeichnen an der Fachklasse Grafik, Hochschule Design & Kunst in Luzern.

http://lorenzmeier.com/

0.f105

Konstruktiv am Nullpunkt

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Im Zuge der Zusammenarbeit des Haus Konstruktiv 1 2 3 und dem Nullpunkt 2011 hat ein Interview mit Dorothea Strauss stattgefunden, der Direktorin des Haus Konstruktiv.

0.t111

Lesen

TA Seite 27: Lesung mit Johanna Lier & Nora Zukker um 20 Uhr

Nullpunkt

0.m3

Miloud Genova

miloud genova

Der einzige Zürcher im Vorstand sorgt für rote Köpfe und versöhnliche Umarmungen, wenn sein italienisches Temperament abseits von Schweizer Konventionen nach Lösungen sucht. Er studiert Politikwissenschaften und Russisch an der Universität Zürich und ist nicht nur für Radiologitschny in allen Stadtkreisen unterwegs.
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0.t88

5000 Flyer

Weitere 5’000 Flyer und 400 Plakate sind hier!



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Migros Kulturprozent

Als erste Stiftung ist der Migros Kultur­prozent mit von der Partie.



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Haus Konstruktiv

haus konstruktiv

Seit 25 Jahren gibt es nun die Stiftung für Konstruktive und Konkrete Kunst, welche hinter dem Haus Konstruktiv steht.

Im Haus Konstruktiv 1 , welches seit 2001 im gleichen Gebäudekomplex wie das ewz-Unterwerk Selnau zu Hause ist, wird das Erbe der konstruktiven, konkreten und Konzeptkunst aufbewahrt und werden gleichzeitig Brücken in die Gegenwart geschlagen.

Unter der Führung von Dorothea Strauss 2 erlebt das Haus an der Sihl eine Symbiose zwischen alt 3 , neu 4 und noch nicht vorhanden. Es entsteht ein Ort, der sich selbst und seine Umwelt reflektiert. Eine virile Seele, welche sich dem Erhalt und der Weiterentwicklung der konstruktiven, konkreten und Konzeptkunst widmet .

Im Zusammenhang mit der Zusammenarbeit zwischen dem Haus Konstruktiv und dem Nullpunkt 2011 an der langen Nacht der Zürcher Museen ist ein Interview mit Dorothea Strauss, der Direktorin des Haus Konstruktiv, zu stande gekommen.